Wer Messestände baut, Markenwelten inszeniert und textile Architektur in die Welt schickt, weiß: Das Sichtbare zählt. Der erste Eindruck entscheidet. Aber Unterschiede werden auch im Unsichtbaren gemacht, über Entscheidungen, die im Verborgenen getroffen werden. Eine davon ist die Frage, woher die Energie kommt, die all das antreibt, und was man aus ihr macht.
Unsere Antwort steht auf dem Dach von Werk 2 in Lemwerder, in einem Batteriespeicher auf dem Betriebsgelände und in einem Algorithmus, der rund um die Uhr den europäischen Strommarkt beobachtet. Wir haben gemeinsam mit unserem Partner EWE in einem Pilotprojekt ein Energiesystem aufgebaut, das mitdenkt.
Die Ausgangslage war eigentlich komfortabel. Seit der Fertigstellung von Werk 2 erzeugt eine 250-Kilowatt-Photovoltaikanlage auf dem Dach sauberen Strom. Ein beachtlicher Beitrag zur Eigenversorgung, und längst Teil unserer Nachhaltigkeitsstrategie, die bis 2032 auf Netto-Null zielt.
Doch bei genauem Hinschauen, gab es brachliegende Potenziale und gewisse Probleme zu erkennen. Hohe Lastspitzen, also kurze Augenblicke, in denen viel Leistung gleichzeitig abgerufen wird, verursachten unnötige Netzentgelte. Überschüssiger Solarstrom, der bei entsprechender Witterung am Mittag üppig vom Dach kam, konnte nicht gezielt genutzt werden. Die Anlage lief, aber nicht auf dem Effizienzmaximum.
Das ist ein Problem, das viele mittelständische Unternehmen kennen: Wer bereits in Photovoltaik investiert hat, schöpft deren Potenzial oft nur zur Hälfte aus. Der nächste Schritt - ein intelligentes System, das Erzeugung, Verbrauch, Speicher und Markt miteinander verbindet - schien für Unternehmen unserer Größenordnung lange nicht erreichbar. Wir haben diesen Schritt trotzdem gewagt und bewerkstelligt.
Gemeinsam mit der EWE haben wir ein integriertes Energiesystem entwickelt, das aus mehreren Bausteinen besteht, die erst in ihrem Zusammenspiel ihre volle Wirkung entfalten. Das physische Herzstück: ein 200-kWh-Batteriespeicher von be.storaged, gesteuert durch das Energiemanagementsystem okean.
Der Speicher erfüllt dabei gleichzeitig vier Aufgaben:
Erstens glättet er Lastspitzen. Immer dann, wenn kurzfristig viel Strom gebraucht wird, springt der Speicher ein und verhindert, dass wir teure Spitzenlasttarife zahlen (atypische Netznutzung). Zweitens optimiert er unseren Eigenverbrauch: Überschüssiger Solarstrom wandert in den Speicher und steht abends oder an bewölkten Tagen wieder zur Verfügung. Drittens kauft das System über den EPEX-Spotmarkt Strom automatisiert in Niedrigpreisphasen ein. Und viertens werden freie Speicherkapazitäten für Handelsgeschäfte eingesetzt - der Speicher reduziert nicht nur Kosten, sondern generiert aktiv Erlöse.
Was ist ein Energiemanagementsystem (EMS)?
Ein EMS überwacht und steuert in Echtzeit den Energiefluss zwischen Erzeugern (PV), Speicher und Verbrauch. Es entscheidet automatisch, wann der Batteriespeicher geladen oder entladen wird – abhängig von Sonnenertrag, aktuellem Verbrauch und Strompreis. Bei Procedes übernimmt das System okean von be.storaged diese Aufgabe.
Was das gesamte Projekt wirklich außergewöhnlich macht, ist ein weiterer Baustein: ein Power Purchase Agreement (PPA), also ein langfristiger Liefervertrag für Grünstrom direkt vom Erzeuger.
PPAs galten lange als Instrument für Großkonzerne. Wer nicht Tausende von Megawattstunden im Jahr abnimmt, bekam schlicht kein Angebot. Für uns als Procedes – mit einem Reststrombedarf, der nach Optimierung durch PV und Speicher vergleichsweise überschaubar ist – wäre ein PPA unter normalen Marktbedingungen kaum möglich gewesen.
Genau hier hat die enge Zusammenarbeit mit der EWE den Unterschied gemacht. Trotz der relativ kleinen Bezugsmenge konnte ein PPA vereinbart werden, das unseren gesamten Reststrombedarf mit nachhaltig erzeugter Energie deckt und unsere Scope-2-Emissionen massiv reduziert.
Was sind Scope-2-Emissionen?
Das Greenhouse Gas Protocol (GHG) teilt unternehmerische CO2-Emissionen in drei Bereiche (Scopes) ein. Scope 2 umfasst indirekte Emissionen, die durch den Bezug von extern erzeugter Energie entstehen, also vor allem durch eingekauften Strom. Wer diesen Strom durch erneuerbare Quellen ersetzt (eigene PV, Batteriespeicher, PPA), reduziert seine Scope-2-Emissionen direkt. Für Procedes ist dies ein zentraler Hebel auf dem Weg zu Netto-Null bis 2032.
Was ist ein Power Purchase Agreement (PPA)?
Ein PPA ist ein langfristiger Stromliefervertrag, der direkt zwischen einem Grünstrom-Erzeuger (z. B. Wind- oder Solarpark) und einem Abnehmer geschlossen wird – ohne Zwischenhändler. Der Abnehmer sichert sich damit über viele Jahre kalkulierbare Preise und eine garantierte Herkunft des Stroms aus erneuerbaren Quellen. PPAs galten lange als Instrument für Großkonzerne mit sehr hohem Strombedarf; mittlerweile erschließen innovative Energieversorger dieses Modell auch für den Mittelstand.
Durch das intelligente Zusammenspiel aller Bausteine steigern wir den Anteil erneuerbarer Energie an unserem Eigenverbrauch, reduzieren die Abhängigkeit vom Strommarkt und erzielen zusätzliche Erlöse aus der Vermarktung. Die Stromkosten sinken, der Eigenverbrauch steigt, die Dekarbonisierung wird deutlich vorangetrieben.
Nachhaltigkeit ist für uns nicht nur ein Bekenntnis, sondern etwas, bei dem wir die gesamte Branche und ähnlich aufgestellte Betriebe mitziehen wollen.
Wir bauen Welten für andere - Markenwelten, Messewelten, Erlebnisräume. Was unsere Kunden bei uns kaufen, ist nicht nur handwerkliche Exzellenz und gestalterische Stärke. Es ist auch die Gewissheit, dass hinter diesen Arbeiten ein Unternehmen steht, das Verantwortung ernst nimmt.
Das Energie-Projekt zeigt: Nachhaltiger Energiebezug ist kein Privileg von Konzernen. Intelligente Systeme funktionieren, wenn sie richtig konfiguriert und partnerschaftlich entwickelt werden, auch für mittelständische Produktionsbetriebe. Die Transformation der eigenen Energieversorgung muss nicht am Mindestabnahmevolumen scheitern.
Der Standort Lemwerder ist ein Pilotprojekt. Es wird nicht das letzte sein.
» Unser Ziel war ein möglichst nachhaltiger Energiebezug für unseren Produktionsstandort und eine maximale Reduktion der Scope-2-Emissionen. Dafür mussten wir eine Lösung finden, die auch für vergleichsweise kleine Bezugsmengen funktioniert. Dass daraus ein optimiertes Energiesystem inklusive PPA entstanden ist, verdanken wir der engen und partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit EWE. «